ZENEL

Deutschland meine Heimat

Deutschland meine Heimat,
abends am Helene-Weigel-Platz.
Mama und Papa besuchen gehen, sie haben wieder Sehnsucht nach mir.
Ich steige aus der Tram, M8 Richtung Ahrensfelde.
4 Glatzen kommen entgegen, wollen einsteigen.
Kaum mich gesehen, folgt Heil Hitler, der Gruß hinterher.
Lachend geht’s für die Glatzen in die Tram und für mich zu Mama und Papa.

Deutschland meine Heimat,
SB-Kasse im Edeka.
Alle Kassen voll, selbst an der SB-Kasse stehe ich an.
Eine Kassiererin sieht mich und lässt keine Sekunde Zeit.
“Ne men Freund, du nisch, du stellst dich bei mir an.”
Gefragt warum habe ich nicht, bei sowas bin ich verstumpft.
Hoffe innerlich, dass es ein anderer Grund als meine Herkunft und mein Aussehen ist.
Solange ich es nicht weiß, kann es ja noch so sein.
Schrödinger’s Rassismus, oder so.

Deutschland meine Heimat,
8 Uhr morgens S Greifswalder Straße.
Auf dem Weg zur Arbeit, für die Gemeinschaft Steuern erwirtschaften.
Die Ringbahn fährt ein, gekonnt stehe ich schon direkt vor einer Tür.
Ein 2-Meter-Atze steht im Eingang, sieht mich und macht sich breit.
Ich versuche mich vorbeizuquetschen, der Atze zieht mit.
Dann wird’s heut’ wohl die andere Tür, das Abteil scheint für Artgenossen reserviert zu sein.

Deutschland meine Heimat,
Klassenfahrt 7. Klasse, Jugendherberge in Sachsen.
Es wird gefragt, wer der Schüler sei, der kein Schweinefleisch essen ,,darf”.
Ich versuche mich rechtzufertigen, bin sogar dabei, Schweinefleisch anzunehmen, um keine Last zu sein. Wir sind hier drinnen unterm Dach, das sähe Allah ja doch gar nicht, wird gescherzt. Die Klasse lacht, ich auch.

Deutschland meine Heimat,
12. Klasse, Klassenfahrt nach Paris.
Am Flughafen stehen wir 20 Schüler an der Kontrolle Reihe.
Ich werde rausgewunken, zufällige Drogenkontrolle. Es wird nichts gefunden, ich habe ja auch noch nie Drogen genommen. Die meisten der anderen 20 jedoch schon. Pech gehabt.

Deutschland meine Heimat,
Duales Studium bei der Bank.
Der Kollege von der Bank stammelt wieder meinen Nachnamen zusammen. Er beschließt, mich ab jetzt Herr. Cappucino zu nennen, das klingt ja fast genauso. Das macht er dann auch drei Jahre lang.

Deutschland meine Heimat,
Vorm Supermarkt bei mir in Marzahn.
Vom Fußballspielen will ich mir was zu trinken holen. Überall Polizei, überall Krankenwagen.
Jemand wird reanimiert, es ist der Vietnamese, der vor dem Supermarkt Jing-Ling-Zigaretten verkauft. Abgestochen, vom 40-Jährigen Deutschen. Verwirrt soll er gewesen sein, wird dann in den Zeitungen berichtet. Wohl nicht verwirrt genug, um Vietnamesen am hellichten Tag abzustechen. Der Vietnamese hat es nicht geschafft, aber das scheint halb so schlimm zu sein, einige Tage später steht da schon ein neuer Vietnamese und verkauft weiter.
Alles beim Alten.

Deutschland meine Heimat,
2019, im Büro.
Die Kunden zögern, wenn ich anrufe und mich mit meinem Nachnamen vorstelle. Meine Ausbilderin merkt es auch. Sie schlägt vor, ich solle mir nur fürs Telefonieren doch einen anderen Nachnamen suchen, etwas Deutsches, Müller oder so. Das sei ja für den Kunden leichter und für mich auch.

Deutschland meine Heimat,
im Wartezimmer beim Arzt.
“Herr…. ehm….Zenel” werde ich aufgerufen, so wie seit 24 Jahren.
Die Ärztin wundert sich bei meinem Anblick, sie hätte jetzt einen Chinesen erwartet, sagt sie.
Nach einigen ausgetauschten Worten lobt sie mein deutsch, ich bedanke mich.

Deutschland meine Heimat,
Mittag in der Kantine bei der neuen Arbeit in einer Bank.
Die Kollegen halten wie jeden Tag ,,Ich bin ja kein Nazi, aber”-Gespräche. Ich höre wie immer zu. Es gehe ja nur um die, die sich nicht benehmen, ich sei ein Vorbild. Ich werde dafür gelobt, dass ich ja perfekt integriert sei. Hier geboren, wundere ich mich, von welcher Kultur aus ich mich denn integriert habe.

Deutschland meine Heimat,
Neue Klasse, erster Schultag.
Die Lehrerin sieht meinen Namen, macht sich über die Aussprache lustig.
Die Klasse lacht, ich lache mit. Ist ja auch witzig, Zenel klingt ja fast wie Single oder Zähne, ein Brüller.
Ab jetzt nennt sie mich 4 Jahre lang ,,Cennel”, ich sage nichts, so werde ich immer schon genannt.

Ali Xhibixhim
Ali Xhibixhim

Deutschland meine Heimat,
In ein neues Krankenhaus verlegt worden.
Ich komme gegen Mittag an, Mittagessen steht schon auf dem Tisch.
Mein Name wurde dem neuen Krankenhaus wohl nur verbal übermittelt, oder war nicht so ganz leserlich auf einem Papier.
Hier heiße ich jetzt Ali Xhibixhim, nicht Zenel Xhibixhiu.

Xhibixhius
Xhibixhius

Deutschland meine Heimat,
11 Uhr auf Arbeit.
Ich schreibe einen potenziellen Partner per Mail.
Es wird geantwortet, ausführlich sogar, nur beim Namen war wohl kaum Zeit.
Hier heiße ich jetzt Hr. Xhibixhius. 3000 Jahre haben die Albaner neben den Griechen gelebt und trotzdem die Identität bewahrt. Alles umsonst gewesen.

Deutschland meine Heimat,
9. Klasse Deutschunterricht.
4-Mann-Gruppenprojekt, wir geben ein Video ab.
Der Lehrerin hat es super gefallen, wir waren die Besten der Klasse.
Wir kriegen alle eine 1, naja, außer ich, ich kriege eine 1-Minus.
Warum weiß ich nicht, hab auch wieder nicht gefragt.
Schrödinger’s Rassismus und so.

Deutschland meine Heimat,
Mama kommt heim.
Ihr Arbeitsvertrag wurde verlängert, zum vierten Mal.
Drei Mal ist erlaubt, bei ihr wohl vier.
Mama ist standhafter als ich, fragt nach wieso.
Beim nächsten Mal kriegt sie unbefristet, wird ihr versprochen.

Deutschland meine Heimat,
Zwischen Edeka und Haustür.
Ein Schwarzkopf rennt mit vollem Einkaufswagen raus.
3 Mitarbeiter hinterher.
“Hey du Türkenfotze” schreit der Mitarbeiter.
Der Schwarzkopf lässt den Wagen stehen und rennt weg.
Hier war er wohl selber schuld, hier muss Rassismus doch erlaubt sein.

Deutschland meine Heimat,
Mitternacht in der Ringbahn.
4 besoffene Deutsche pöbeln ein Touri-Pärchen an.
Hier solle deutsch gesprochen werden, kein englisch.
Zu viert wird geschubst und beleidigt. Die Touris steigen aus, bevor es noch weiter eskaliert.
Der Mob sieht sich als Sieger.

Deutschland meine Heimat,
In meinem Elternhaus wird unsere 90-Jährige Nachbarin langsam dement.
Wir nennen Sie schon seit 10 Jahren Oma, unsere kennen wir ja nicht.
Sie wird vergesslich und beschuldigt uns, ihre Sachen in Ihrer Wohnung woanders hinzulegen. Ein armes Schicksal, uns tut es sehr leid, wir machen das Beste draus.
Im Briefkasten liegt ein handgeschriebener Brief, unserem Pack sei nicht zu trauen, solch ein Verhalten liege in unserer Natur, man hätte es damals zu Ende bringen sollen. Die Demenz lässt die tiefsitzenden Gedanken wieder hervorkommen. Mit den Tüten helfe ich ihr weiterhin.

Deutschland meine Heimat,
Mein Vater feiert 10-Jähriges in der Bäckerei-Fabrik.
Mit 15 Jahren Berufserfahrung als Bäcker ist er dort eingestiegen.
Eine deutsche Ausbildung gab es damals in Jugoslawien nicht.
Er wurde als Aushilfe eingestellt, niedrigster Lohn.
Er schmeißt den Laden seit Jahren, die 18-Jährigen Kollegen verdienen jedoch 3 € mehr die Stunde.
Zum Jubiläum fragt er nach einer Gehaltserhöhung. Ganze 1 € mehr macht er ab jetzt, er ist stolz wie Bolle.

Deutschland meine Heimat,
Mittagspause auf Arbeit.
Ein Unbekannter kommt mir näher, begrüßt mich mit “Ali”, ein palästinensischer Kollege.
Nach 5 Sekunden meines verwirrten Blicks bemerkt er selbst, dass ich nicht Ali bin.
Verlegen zieht er weiter.

Deutschland meine Heimat,
In der Uni, erste Vorlesung mit einem neuen Dozenten.
“Wer ist Herr Xhibixhiu”, stammelt der Dozent. Ich melde mich.
“Ach ich hab mich schon gewundert, warum der chinesische Nachname trotz türkischem Vornamen.” Jetzt sähe er, dass ich ja Türke sei und fragt, wie das mit der Namenskonstellation kommt. Ich bin Albaner, der Name auch, antworte ich. Verwirrter hat noch nie jemand mich angesehen.

Deutschland meine Heimat,
Schuhladen in Biesdorf.
Ich suche neue Schuhe, bei mir löst sich schon die Sohle.
Der Laden ist ganz gut besucht, in jedem Gang ca. eine Person.
An mir scheint die Mitarbeiterin jedoch einen Gefallen gefunden zu haben.
Ob’s das Parfum ist, welches ich als 17-Jähriger noch nie aufgetragen habe?
Ob’s die frische Frisur ist, vom Haarschnitt, welcher ca. 4 Monate her ist?
Ich kann nur raten, was ich aber weiß, ist, dass die Mitarbeiterin mir in jeden Gang folgt.

Deutschland meine Heimat,
4. Klasse, es gab Streit unter den Schülern, eventuell war ich dezent involviert.
Ein anderer Schüler schildert vor der Lehrerin seine Sicht, die jedoch meiner nicht entspricht.
Empört hebe ich die Hände und verneine seine Aussage.
Die Lehrerin schreit mich zusammen, sagt mir, ich solle die Hände runternehmen und mich benehmen, wir seien hier in Deutschland und nicht in Jugoslawien. Den Satz verstehe ich nicht, was hat Jugoslawien mit der Rangelei zu tun? Ich bin Albaner und der andere ist Weissrusse.

Deutschland meine Heimat,
6. Klasse, in Berlin noch Grundschule.
Mein Geografielehrer schwelgt wieder in DDR-Nostalgie, da war ja noch alles besser. Auch wird einem heute der Mund verboten, nicht mal Zigeuner darf man mehr sagen. Ich frage mich, wie man diese Gruppe sonst nennen soll, mir wurde nie ein anderer Begriff beigebracht. Dass man Schaumküsse nicht mehr N-Wort-Küsse nennen darf, sieht er auch als Beweis, dass das Land untergeht.